Organisch, Leinen, Holz, Wachsfarben, H. 183 cm, B. 40 cm, T. 20 cm
Römische Herrschaft, Mittlere Kaiserzeit, spätes 2. Jh. n. Chr.
Inv. BSAe 1030
Provenance
Schenkung 2001 Richard und Ulla Dreyfus-Best, Binningen. Davor Sammlung D.E.K., Genf. Davor mit Nicolas Koutoulakis (1910–1996), Paris. Erworben in den 1960/70er Jahren.
Description
Mit etwas entrücktem Blick schaut uns ein etwa 30 Jahre alter Römer mit lockigem Haar und flaumigen Bart entgegen. Sein Kopf ist nach rechts gewandt und in einer für den alten Ägypter unüblichen "Dreiviertelansicht" wiedergegeben. Im Haar trägt er einen Lorbeerkranz, der mit Blattgold belegt ist und ihn vergöttlichen soll. Im Nacken und an der Brust ist seine weisse Toga zu erkennen. Der Ausschnitt im Leichentuch ist am Rand ebenfalls mit quadratischen Goldfolienplättchen verziert. Von dem Verstorbenen sind neben dem Gesicht auch Arme und Füsse zu sehen, die auf das Leichentuch gemalt sind. In der rechten Hand hält er eine rosa Blumengirlande, in der linken wohl ein Ährenbündel.
Wie Versatzstücke erscheinen dem Betrachter zunächst die auf dem Leichentuch aufgemalten Symbole und Götterfiguren. Ein Zusammenhang ist auf den ersten Blick kaum erkennbar. Zuoberst sind es zwei antithetische Falken mit weisser Krone, dann folgen zwei Udjat-Augen und die Göttin Maat sowie der ibisgestaltige Thot. Im Zentrum steht auf einem Goldzeichen die geflügelte Himmelsgöttin Nut mit Sonnenscheibe auf dem Haupt, darunter der Totengott Osiris zwischen zwei sich emporwindenden Schlangen. Den Abschluss bildet eine Sonnenscheibe mit zwei Uräusschlangen.
Betrachtet man die Motive in ihrem inhaltlichen Zusammenhang wird folgendes deutlich: Falkenpaar und Udjat-Augen sollen dem Verstorbenen zunächst Schutz spenden. Es mag sein, dass die beiden goldenen Falken auch auf die sogenannten Verwandlungssprüche im Totenbuch hinweisen, in denen sich der Verstorbene in einen Vogel zu verwandeln wünscht, um seine freie Beweglichkeit wiederzuerlangen. Maat und Ibis spielen zweifellos auf das Totengericht an, in dem sich der Verstorbene vor Osiris, dem Herrscher der Toten, zu verantworten hat. Der Verstorbene wird von der Göttin Maat empfangen, die die bei der Schöpfung gesetzte Weltordnung verkörpert. „Herzstück“ des Totengerichts ist der Wäge-Akt, dem sich seit dem Neuen Reich jeder Verstorbene unterziehen muss. Dabei wird das Herz (Sitz des Verstandes) gegen die Feder der Göttin Maat gewogen. Falls die Waage aus dem Gleichgewicht kommt, ist die Fresserin als personifizierter Höllendrachen zur Stelle, um das Herz zu verschlingen, wodurch der Verstorbene der Verdammung anheimfällt. Thot fungiert in der Gerichtshalle als Schreiber und führt Protokoll. Gleichzeitig tritt er als Jenseitsbegleiter auf und wird daher mit dem griechischen Hermes Psychopompos gleichgesetzt. Die Göttin Nut hat dem für rechtschaffen befundenen Verstorbenen Atemluft zu zufächeln und ihn zu schützen. Osiris empfängt anschliessend den Toten in der Unterwelt, deren Zugang möglicherweise durch die beiden Schlangen torartig angedeutet wird. Die Sonnenscheibe am Schluss könnte sinnbildlich für die Wiedergeburt im Jenseits stehen.
Die Basler Mumie ist insgesamt vortrefflich erhalten. Nahe Parallelen wurden in el-Hibe (griech. Ankyronpolis) in Mittelägypten gefunden. Neue CT-Untersuchungen haben gezeigt, dass zwischen den Beinen der Mumie ein Flügel eines Vogels, wohl der eines Ibis, mit eingebunden wurde. Die Präsenz des Ibis mag hier auf seine Funktion als Jenseitsbegleiter eben den schon genannten Hermes Psychopompos, der den Verstorbenen sicher ins Jenseits geleiten soll, anspielt.
Die roten Farbpigmente auf dem Leichentuch stammen nach neuesten Erkenntnissen von der iberischen Halbinsel und wurden nach Ägypten importiert. Es handelt sich um Bleimennige, ein leuchtend rotes, giftiges Pigment (Bleioxyd). Eine in jeglicher Hinsicht unserer Mumie nahestehendes Verbgleichexemplar mit eingebundener Ibismumie befindet im Getty Museum in Malibu.
Mit der Eroberung Ägyptens 30 v. Chr. durch Octavian, der sich später Augustus nennt, wird das Land am Nil eine Provinz des römischen Weltreiches. Obschon sich die römischen Kaiser in der Folge als Pharaonen darstellen und verehren lassen, wird die Provinz durch einen in Rom ernannten Präfekten verwaltet. Immerhin wird Ägypten wegen seiner Bedeutung als Kornkammer dem Imperator direkt unterstellt. Eine dünne römische Oberschicht von Verwaltungsbeamten bekleidet alle höheren Ämter, der makedonische Adel behält seine Privilegien und Griechisch bleibt Amtssprache. Dennoch muss das pharaonische Ägypten auf die Römer eine unglaubliche Faszination ausüben, denn die Eroberer unterwerfen sich bedingungslos dem ägyptischen Götter- und Totenglauben.
Im ägyptischen Kunstschaffen treten um die Zeitwende vermehrt hellenistisch-römische Einflüsse hervor. Besonders im Bereich der Sepulkralkunst gewinnt der römische Geschmack an Bedeutung. Die idealisierten, unpersönlich wirkenden, ägyptischen Kartonagemasken, wie sie noch in grosser Zahl in ptolemäischer Zeit hergestellt werden, werden während der Kaiserzeit durch Mumienporträts und gegossene Stuckmasken abgelöst, die direkt über dem Gesicht des Verstorbenen in die Mumienumwickelung eingebunden werden. Die Motive der früheren Mumienauflagen aus Kartonage überträgt man in Malerei auf die Leichentücher, mit denen man die Mumie umhüllt. Die Mumienporträts sind in einer Technik bemalt, die man Enkaustik nennt. Die heute noch leuchtenden Wachsfarben werden mehrschichtig auf einen dünne Holztafel aufgetragen, wobei man nicht nur Pinsel, sondern auch verschiedene Spachtel verwendet. Die Bilder auf dem Leichentuch sind mit Temperafarben aufgetragen und partiell vergoldet. Im Gegensatz zur Enkaustik werden die Farbpigmente der Tempera mit Eiweiss angerührt.
Die frühen Mumienporträts zeigen mehrheitlich individuelle Züge, obwohl auch sie einer gewissen Typisierung unterliegen, die durch die aktuelle römische Mode geprägt ist. Die serienmässige Produktion in der Endphase führt im 4. Jahrhundert zu ikonenhaft erstarrten Bildnissen. Einen Zusammenhang mit den frühchristlichen Wachsikonen aus Ägypten ist unübersehbar. Die Datierung der Mumienbildnisse erfolgt im Wesentlichen aufgrund der Haar- und Barttracht, eine Datierungsmöglichkeit, die bereits der englische Ägyptologe W. M. F. Petrie (1853–1942) erkennt. Selbst kleinste Details der Tracht entsprechen den stadtrömischen Marmorporträts.
Auf 100 normale Mumien kommen ca. zwei bis drei Porträtmumien. Es handelt sich dabei also um eine sehr exklusive Bestattungsart, die sich nur Mitglieder der Oberschicht leisten können. Wie Befunde nahelegen, wurden die Mumienporträts wohl z.T. bereits zu Lebzeiten angefertigt und zu Hause aufbewahrt. Sie zeigen den Verstorbenen also in voller Lebenskraft und nicht zum Zeitpunkt seines Todes. Die Tradition der Mumienporträts endet im ausgehenden 4. Jahrhundert n.Chr., als Theodosius I. die Ausübung heidnischer Kulte unter Strafe stellte.
Eine wirtschaftliche Bedeutung sondergleichen erhält das Faijum in griechisch-römischer Zeit. Ptolemaios I. vollendet die Trockenlegung der Sumpflandschaft und lässt zusätzlich die Wüstenrandzonen mit Hilfe von sesshaft gewordenen griechischen Söldnern bewässern. 30-40 neue Städte entstehen als kleine Zentren griechisch-hellenistischer Kultur. Das wirtschaftliche und kulturelle Leben blüht bis ins 4./5. Jahrhundert n. Chr. Am Ende des 3. Jahrhunderts allerdings holt die Wüste das Fruchtland allmählich wieder ein und die Verödung des Faijums setzt ein. Die grossen Städte mit ihren Tempeln werden von der Wüste überrollt und versanden. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass uns die Stadtanlagen, vor allem aber die kulturelle Hinterlassenschaft der Bewohner vorzüglich erhalten ist. Zeugnisse aus dieser Zeit sind unzählige Terrakotten, griechische Papyri und eben die berühmten Mumienporträts, die auch Faijum-Porträts genannt werden.
Bibliography
M. Page-Gasser–A. Wiese (Hrsg.), Ägypten, Augenblicke der Ewigkeit. Unbekannte Schätze aus Schweizer Privatbesitz, Ausstellungskatalog (Mainz–Basel 1997) Nr. 219; A. Wiese, Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig. Die ägyptische Abteilung (Mainz 2001) Nr. 145.
M. Walton, Analysis of the Red Pigment Found on Red-Shroud Mummies, in: L. H. Corcoran–M-.Svoboda (Hrsg), Herakleides. A Portrait Mummy from Roman Egypt (Los Angeles 2010).